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AN EINEM BAHNHOF UMARMEN SICH ZWEI MENSCHEN
Benjamin Jakob Enders
Erst viele Jahre, nachdem ich nach Düsseldorf gezogen war, fiel mir auf, dass die Nummerierung der Gleise im Hauptbahnhof nicht streng numerisch aufsteigend ist, sondern dass vier Zahlen fehlen. Schnell zu bemerken sind die fehlenden Nummern Eins bis Drei, die Nummerierung der Bahnsteige beginnt mit 4/5. Bei dieser Lücke am Anfang scheint es so, als wären die Gleise früher einmal zugänglich gewesen, aber bei Renovierungsarbeiten umgewidmet worden, und jetzt nicht mehr für den Fahrgastverkehr bestimmt. Diese Anomalie ist nicht einzigartig und leicht zu verkraften.
Eines Tages jedoch stand ich in der Mitte der Passage, dort wo die Schaufenster und Glastheken überteuerter Läden und rationalisierter Bäckereien in regelmäßigen Abständen von Treppenaufgängen unterbrochen werden und zögerte in expandierender Unentschlossenheit über die Frage, ob ich mir noch etwas zu Essen kaufen sollte, bevor mein Zug abfährt. Als das Zögern die Schwelle der Erträglichkeit überschritt, schob sich zwischen mich und das Stimm- und Bewegungsgewirr eine kühle und harte Distanz. Das Treiben wurde zu einem einförmigen und bedeutungslosen Phänomen; Ich war kein Teil mehr davon. Mein Blick hatte die Ruhe einer Kameraeinstellung in einer Naturdokumentation. Um mich wieder in der Wirklichkeit zu verankern, las ich langsam alle Bahnsteig-Schilder, die ich von meinem Standpunkt aus sehen konnte. Als ich dabei bemerke, dass auf Bahnsteig 6/7 der Bahnsteig 9/10 folgt, zweifelte ich zunächst an meiner eigenen geistigen Verfassung, und danach für einen kurzen Moment an der Natur meiner Realität. Dann las ich alle Schilder noch einmal. Wo ist Gleis Acht, und wie kann es sein, dass mir diese Lücke in der Nummerierung erst jetzt auffällt?
Auf den letzten Seiten ihres autobiographischen Romans „Der Liebhaber“ beschreibt Marguerite Duras einen Menschen als „unsterblich“. Dabei spricht sie von ihrem Bruder, der starb, als sie eine junge Frau war. Als sie die Nachricht erreichte, vermutete sie zunächst, dass es sich dabei um einen Irrtum handeln müsse, da ihr Bruder keine sterbliche Person gewesen sei. Dann folgert sie, dass seine Unendlichkeit nicht geschmälert werden konnte durch seine Sterblichkeit. Sie behauptet, dass die Eigenschaft unendlich zu sein, also ohne Begrenzung expansiv zu sein, nicht davon abhängig sei, dass Menschen sterben. In dieser widersprüchlich poetischen Geste versucht sie, die Qualität eines Begriffs von seiner notwendigen Bedingung abzulösen. Wenn es keine Rolle spielt, dass etwas begrenzt ist, dafür, dass es unendlich ist, bleibt von dem Begriff unendlich nicht viel anderes übrig als eine ästhetisch-poetische Hülle, der wir uns vielleicht dadurch annähern können, dass wir fragen, was wir typischerweise als unendlich bezeichnen. Allerdings lässt sich diese Widersprüchlichkeit auch anders denken. Wir könnten uns die Kategorie unendlich auch vorstellen als etwas, das auf jene Dinge zutrifft, die ausgebreitet sind und in ihrer Ausbreitung nicht in etwas Anderem ausgebreitet sind. Selbst wenn etwas vollständig innerhalb seines Mediums ausgebreitet wäre, dann wäre das Medium noch immer das Ende der Ausbreitung. Alles, was wir uns als Etwas mit Umfang vorstellen können, ist auch begrenzt durch das Medium, das den Umfang bedingt. Wasser zum Beispiel ist ausgebreitet im Raum und das menschliche Leben ist ausgebreitet in der Zeit. Unendlich könnte dann bedeuten, dass etwas ein Medium ist. Etwas, das keinen Überbegriff mehr hat. Auch falls das nicht gemeint ist mit der Unendlichkeit eines Menschen, so ist dadurch vielleicht eine Möglichkeit gegeben, wie wir uns den Begriff atmosphärisch vorstellen können. Ein einzelner Mensch als Begriff, der keinen Überbegriff mehr hat.
„Der Liebhaber“ entstand gegen Ende von Duras´ Karriere im Jahr 1984. Es ist sowohl einer ihrer letzten, als auch erfolgreichsten Romane, nicht besonders lang und laut eigener Aussage „ihr leichtestes Buch“. Im Jahr des Erscheinens wurde er mit dem renommierten Prix Goncourt ausgezeichnet. Die Handlung entwickelt sich durch kurze, ineinander verwobene Erinnerungsfragmente, deren Länge zwischen einer halben und zwei Seiten variiert. Die gut gewählte Reihenfolge und virtuos geschriebenen Übergänge haben entfernte Anklänge an die Stream-Of-Consciousness Experimente der Englischen Moderne. Es ist so, als sei man nachts in einer verrauchten Bar mit einer fremden Frau ins Gespräch gekommen. Alle sind angetrunken, und aus einem Radio läuft leise nostalgischer Jazz. Vielleicht sitzt eine Katze auf dem Boden. Die Frau kommt ins Erzählen und verliert sich in dem stundenlangen Versuch einer herzzerreißenden Selbstoffenbarung. Doch trotz all der Bekenntnisse und Details wird sie als Person nicht wirklich greifbar. Plastisch werden nur die Beziehungen, in die sie verflochten war, und die Welt, in die diese Beziehungen eingebettet waren.
Verschiedene Unendlichkeiten sind nicht koextensiv. Umgangssprachlich könnte man auch sagen: „Sie sind nicht gleich groß“. Zumindest sind sich darin praktisch alle MathematikerInnen einig. Diese Betrachtungsweise legt nahe, dass andere, nicht mathematische Formen von Unendlichkeit auch verschieden sein könnten, vielleicht sogar verschieden groß, zumindest aber nicht gleichartig. Es gibt Unendlichkeiten der Erinnerung, wenn man an weit zurückliegende einschneidende Momente denkt. Es gibt eine Unendlichkeit des Traumes, wenn man versucht aufzuwachen und nicht kann, oder eine Unendlichkeit der Musik, wenn die Reihenfolge der Töne absolut zwingend und zugleich unerklärlich originell ist. Manchmal treten Situationen auf, in denen sich das eigene Bewusstsein auf eine poröse Art auf die Umwelt öffnet und die ununterbrochene Dichte der Erfahrung als solche erfahrbar wird. Alle Details liegen gleichmäßig, wie in unzählbar Umzugskartons auf einem endlosen Teppichboden. Das Bewusstsein fliegt über sie hinweg, von ziellosem Interesse geleitet schwebt es von einem Gegenstand zum nächsten, und alles, was zuvor ein „Ich“ war, ist dabei verschwunden.
Einmal stand ich auf einem Bahnsteig am Düsseldorfer Hauptbahnhof und hörte Musik. Mein Zug hatte wiedermal Verspätung und ich dachte über das fehlende Gleis 8 nach. In der Ferne beobachtete ich zwei Menschen, die sich fest und lange umarmten. Direkt danach schrieb ich eine Notiz in mein Handy. sie lautet „Skizze. An einem Bahnhof umarmen sich zwei Menschen“. Vielleicht schrieb ich es nur auf, weil sich genau in diesem Moment alles Alltäglich zu einem einzelnen statischen Ton verdichtete, der mich umhüllte, blind und taub machte, und mich trotzdem alles sehen und hören ließ.
Wohin könnten wir von Gleis 8 fahren? An einem Bahnhof umarmen sich zwei Menschen. Was passiert wenn wir weitere Begriffe von ihren Notwenigen Bedingungen ablösen? Ein Begriff, der keinen Überbegriff hat, liegt ausgebreitet vor mir. Die Zukunft ist leer.
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1 Allein das Fehlen eines Gleises macht den Düsseldorfer Hauptbahnhof nicht besonders. Eine kurze Internetrecherche zeigt, dass die Deutsche Bahn sich zu viel ungewöhnlicheren Gleisnummerierungen erdreistet hat. Der Bahnhof der Kleinstadt Büchen im Landkreis Lauenburg zum Beispiel. Dort gibt es die Gleise 1, 140, 40 und zu guter Letzt 41. Besonders am Düsseldorfer Hauptbahnhof ist allerdings die Art, wie diese Lücke so effektiv architektonisch versteckt wird, dass ich über 4 Jahre brauchte um sie zu entdecken. Andererseits ist es zwar unwahrscheinlich, aber auch nicht gänzlich auszuschließen, dass die Natur der Realität sich tatsächlich in der letzten Zeit auf geheimnisvolle Weise verändert hat, und bei dieser bisher unbemerkten Abänderung unter anderem die Gleisnummern am Düsseldorfer Hauptbahnhof betroffen waren.
2 Marguerite Duras, Der Liebhaber, S.68, S.93, Frankfurt am Main, 1985. Im französischen Original verwendet Duras die Begriffe „l’éternité“ und „immortel“. Die Freiheit diese Begriffe auf das Konzept der Unendlichkeit und nicht das der Unsterblichkeit zu interpretieren nehme ich mir daher, dass der Roman diese Kategorie durch die vor und nachgestellten Passagen impliziert. Über viele Szenen hinweg verknüpft Duras verschiedene Arten von nicht-Endlichkeiten miteinander, so dass nahe liegt, dass es ihr um einen Überbegriff des Nicht-Endenden geht.
3 Es scheint so, als gäbe es in dieser Hinsicht nur zwei Wege für erfolgreiche KünstlerInnen. Entweder werden die zugänglichsten und berühmtesten Arbeiten gegen Ende einer langen Kariere, voller nuancierter Weiterentwicklungen geschaffen, oder man ist dazu verurteilt mit 70 einen Song den man mit 20 geschrieben hat so aufzuführen, als hätte man ihn sich gestern erst ausgedacht. Siehe dazu „Sting - Sounds like Art - Rijksmuseum, Amsterdam - ARTE Concert“ https://www.youtube.com/watch?v=t9UsFbCuM7I&t=2317s Bedenkt man die vielfältigen Versuche die Sting seit Police und Fields of Gold unternommen hat, wirkt diese Darbietung eher traurig auf mich. Sieht man sich jedoch die YouTube Kommentare an, dann merkt man, dass das Konzert dem Publikum sehr gut gefällt, und wer bin schon ich dieses Urteil in Frage zu stellen.
4 Dieses Thema wurde Gegenstand eines der berühmtesten Videos der Science-Video-Essay Scene auf YouTube. „How To Count Past Infinity“ von Vscauce. https://www.youtube.com/watch? v=SrU9YDoXE88 mit 28. Millionen Aufrufen gehört es zu den erfolgreichsten Videos von Micheal Stevens. Einige Zeit vor ihm befasste sich schon David Foster Wallace mit dem Thema der mathematischen Unendlichkeit in dem Buch Everything and More: A Compact History of Infinity, New York, 2003.
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