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DER LAUF DER BAHNEN
Flora Komarek
‚Da läuft ein Pferd am Straßenrand!‘, dachte ich, als ich aus der Haustür kam. Ein Origami-Schwan tanzte durch die Pfütze, der Tau spiegelte belanglos mein Verlangen nach Schlaf.
Ich sah blühende Ängste, die sich im Morgengrauen räkelten. Der kleine Frühlingstag Waska erwachte. Die Sonne ging heute schneller auf als sonst. An der Bahntür klebte der Geruch von Fremde. Die Schatten unter den Augen der Fahrgäste rochen noch nach frischer Farbe.
Ich fuhr bis zum großen Garten - die Blumen musste ich doch noch gießen.
Der Hund hatte heute Langeweile. Manchmal wäre er gern ein Pferd. Die Ecken bogen sich heute anders, der Weg schien heute rückwärts zu gehen. Am Straßenrand fand ein Taschentuch seinen Trost in versammeltem Regenwasser. An der Bahntür klebte ein Blick. Der Hund kam vom großen Garten - er wusste, dass es regnen wird.
Wie zwei Pluspole tangierten sich die Bahnen für einen Augenblick. Der Hund und ich - wir teilten einen Berührungspunkt, berührten uns zu einem Punkt, wir punkteten im Spiel des Zufalls.
Die Laufbahnen hautnah, doch fenstergerahmt und nur fast glasklar. Ein Kontakt in die Augen, ein Kontakt in das Leben. Wir waren Gäste in den Bahnen und wurden zu Gästen unserer Fantasien.
Woanders würden wir zusammen spazieren gehen, dem Schwan im kleinen See Beifall klatschen, dem Tau beim Verdunsten zusehen. Wir würden den Bahntüren ihren Ballast abnehmen und die Sonne ablenken, damit sie noch ein wenig länger bleibt. Doch heute war dem Hund langweilig und das Pferd drehte sich nicht mehr nach mir um.
Der Schwan fing an zu weinen und die Türen verklebten. Der Tau wurde zum Schauer, die Sicht verschwamm, die Farbe tauchte unter und der Kontakt tauchte nie auf. Wir waren Gäste in den Bahnen und blieben Gäste unserer Biografien. Meine Bahn nahm ihren Lauf. Dein Leben entgleiste mir um eine Fensterbreite, doch es zeigte sich für einen Blick, dank eines kleines Zufalls.
Letztens sah ich ein Pferd am Straßenrand, es lächelte mir zu.
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