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AN PETER
Markus Henschler
manchmal, wenn du ganz weit weg scheinst,
wie ein stecknadelgroßer punkt in meinen gedanken,
fällt mir das auf und dann muss ich
wieder an dich oder an uns denken.
dann hole ich dich
manchmal in echt, manchmal in meinem kopf,
langsam näher zu mir zurück.
alles begann ohne dich –
bevor du kamst, war ich unsichtbar, genauer:
ich lag im bällebad ganz unten und weinte.
das hatte etwas beruhigendes in der neuen stadt,
der ich nach dem umzug kein bisschen vertraute.
es liegt immer entweder an der erde
oder natürlich an der pflanze selbst.
ich lag im bällebad ganz unten und wusste,
die neue stadt ist nichts für meine zarten wurzeln.
verwelkt bin ich nicht in diesem jahr,
aber neben dem bällebad habe ich fast keine erinnerungen.
nur ein kind kam, um mit mir zu spielen
und wenn das nicht da war, lag ich im bällebad ganz unten.
unten im bällebad zu sein hat vorteile:
kein mensch sieht dich oder fragt, warum du weinst.
unten im bällebad vergeht die zeit langsamer,
dringt durch die vielen lagen an bällen schwerer durch.
doch selbst die unzählbare menge an bällen
hält die zeit nicht vollständig auf.
die anderen freuten sich auf die schule
und ich fragte mich, ob sie dort auch bällebäder haben.
die erwachsenen entwickelten eine taktik,
damit ich in der schule blieb
und nicht rotz und wasser heulend meine mutter vermisste,
in der angst, sie niemals wieder zu sehen.
die ersten wochen blieb meine mutter
die erste stunde am tag mit im unterricht.
ich blickte im klassenzimmer nach hinten,
um sicher zu gehen, dass ich nicht allein war.
irgendwann waren es nur noch die ersten zehn minuten,
dann nur noch mit bis zum schuleingang,
zum bahnübergang, zum straßenende,
zum hoftor und zur haustür.
aus meinem mund nur wenige wörter.
buchstaben, zahlen, spiele und lieder –
nur die menschen um mich herum
schienen nicht interessant genug zu sein.
die echte aufregung kam zum ersten mal,
als meine lehrerin ihre handpuppe mitbrachte.
eine puppe aus stoff, vielleicht dein cousin,
die meine aufmerksamkeit direkt an ihr festnähte.
ich bekam meine augen nicht mehr los
von der frechen art und den orangenen haaren.
als wäre das sams vorbeigekommen
und hätte mir den wunsch nach bindung erfüllt.
meine mutter bekam wind davon,
wie ich mit der puppe spielte und mit ihr auf andere zuging.
mit leuchtenden augen erzählte ihr meine lehrerin:
markus kann ja reden!
von da an war glasklar,
was das nächste geburtstagsgeschenk sein wird.
um fair zu sein, bekamen alle drei kinder
zum geburtstag eine eigene puppe.
es brauchte keine zeit zur entscheidung
über die auswahl aus dem sortiment.
es mussten die orangenen haare sein,
der freche blick und die braunen augen.
deine neun sommersprossen,
dein karohemd,
deine blaue latzhose
und deine grüne leggings.
du bist einfach zu beleben:
ein loch im kopf und zwei in den armen.
mit dir kann ich alles animieren
und damit war ich einfach zu beleben.
du warst fast so groß wie ich
und hast mich überallhin begleitet.
tagsüber habe ich in der schule durch dich sozialisiert.
du warst mit auf reisen und hast neben mir geschlafen.
zusammen haben wir eine schlafposition erfunden,
welche uns und die armee der
jeden abend sortierten und aufgereihten kuscheltiere
nachts vor allem bösen schützt:
meine angewinkelten arme zeigen nach oben
meine angewinkelten beine zeigen nach unten
und genau dazwischen, da liegst du,
so sind wir zusammen auf ewig unbesiegbar.
du bist mit mir älter geworden.
ich wusste: du bist immer sieben jahre jünger.
mein körper wurde größer und du warst
irgendwann nicht mehr halb so groß wie ich.
mittlerweile dürftest du laut gesetz
alkohol trinken und rauchen,
auto fahren und sogar
mietwagen in den usa leihen.
du kommst mit mir in die jahre
und so langsam ist uns unser alter abzulesen.
unsere haare werden weniger
und die haut in unseren gesichtern schlägt mehr und mehr wellen.
wenn ich in deine augen schaue
und anhand der kratzer erkennen kann,
wie oft du durch mich hingefallen bist,
kommt meine kindheitsangst wieder hoch, irgendwann zu erblinden.
früher warst du noch kein teil meines lebens
und ich saß stumm da.
heute frage ich mich, wie sehr du noch teil meines lebens bist
und du sitzt stumm da.
manchmal für jahre, geparkt bei meiner mutter,
kannst du zumindest stumm mit deinen puppengeschwistern sitzen.
noch heute drapieren mein bruder und ich die puppen
und bringen uns mit den stillleben zum schmunzeln.
wenn ich dich lange ansehe oder mit dir spiele,
frage ich mich, wie es wäre, ein kind zu haben
oder wie es wäre, nur stofftiere zu haben
und welche welt wir unseren stofftieren hinterlassen wollen.
von meiner großtante habe ich ein altes stofftier geerbt
und ich frage mich, wer nach meinem tod mit dir spielen wird.
wie werde ich eigentlich da liegen, wenn ich tot bin?
sehen meine augen dann aus wie deine gläsernen augen?
auf dem boden der tatsachen zurück war ich
als meine mutter eines tages
auf mich zukam und mir einen karton mitgab.
beim öffnen hatte ich glasaugen:
da lag etwas, was mein gehirn
im ersten moment als peter wahrnimmt;
nur ohne deine identität, deine falten,
ohne mich und ohne uns.
als würden wir einen neuen markus
per post zugeschickt bekommen.
und obwohl das dann so aussähe wie ich,
würde sich jede andere version falsch anfühlen.
ich stelle mir manchmal vor,
dass wir rollen tauschen könnten,
dass du einen kleinen markus hast,
zum spielen und kuscheln.
wenn ich so wie du die meiste zeit
nur rumliegen und rumsitzen würde,
würde sich die zeit wahrscheinlich anders anfühlen,
wenn nicht jeden tag mit mir gespielt wird
(so wie im bällebad ganz unten).
ich würde so lange da liegen,
bis wer kommt und mit mir spielt
und das mit permanentem lächeln,
unklar ob noch oder schon.
dann würde ich mich freuen,
wenn wer kommt und mit mir kuschelt,
wenn ich nachts beim sicher schlafen helfen kann,
wenn ich ab und zu schön drapiert werde.
dann würde ich mich freuen,
wenn sich wieder an mich erinnert wird,
nachdem ich stück für stück
aus dem bewusstsein geglitten bin.
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